Jungerabenmutter – Second Chance 

Trommelwirbeeeeeeeel. Tatatata! 


Ja, ganz recht. Große Veränderungen stehen bevor. Ein Geschwisterchen fürs Lieschen. Eine zweite Chance für eine nicht mehr ganz so junge Mama. Also diesmal: keine Ausreden! 

Außerdem habe ich diesmal einen sehr engagierten und überglücklichen Partner an meiner Seite, der bisher nicht einen Frauenarzt-Termin hat sausen lassen, sich fürsorglich um mich gekümmert hat als mir ständig schlecht war und jeden Tag freiwillig Wäsche aufhängt. 

Ja, irgendwann wird alles gut.

Grau in grau ist wohl vorbei. 

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This is it. 💜 

Ich bin so verliebt in diese zwei Menschen. Ich hätte nie gedacht, dass sich drei Leben in so kurzer Zeit so sehr ändern und verschmelzen können. 

Die Tage sind gefüllt mit Liebe, Zuversicht, Vertrauen und Gemeinsamkeit. Jeder Tag ist spannend, jeder Tag ist schön. Jede Meinungsverschiedenheit ist ein konstruktives, ruhiges Gespräch, ein Austausch mit einem Ziel –  kein Streit, kein Geschrei, keine Demütigungen. 

Die Tage sind ruhiger geworden. Schöner. Positiver. Langsamer. Wir spazieren mehr. Lieschen läuft mehr. Sie kuschelt mehr, sie lacht viel mehr, ist aufgeschlossener und mutiger. 

Vielleicht war dieses Hals-über-Kopf-Manöver doch heilsamer, als gedacht. 

Und was macht Lieschens Papa? Der ist irgendwie auch geheilt, hat 20 Kilo weniger drauf, den Job gewechselt, trinkt grüne Smoothies und interessiert sich plötzlich für Kinder-Bio Sonnencrème und: übernimmt endlich sehr viel Verantwortung für seine Tochter, sieht sie jede Woche, geht mit ihr reiten, im Wald spazieren und hat ihr sogar einen Regenbogen an die Wand gemalt. Hört, hört. 

Beziehungen können eben lähmen. Unsere hat uns gelähmt und in uns beiden nur die schlechtesten Dinge hervorgebracht. Ich wünsche mir, dass wir das bald hinter uns lassen können. 

Alles glänzt so schön neu. 

Mein Leben erstrahlt in neuem Glanz. Alles sieht so anders aus. Alles fühlt sich anders an. Gut anders. Aber hundert Prozent different zu dem, was ich noch vor zwölf Wochen gelebt habe. Kontrastiv. Wie schwarz und weiß, Tag und Nacht. Als wäre ich erwacht aus einem langen Traum, der nicht schlecht, aber auch nicht gut war. Ich bin wieder zu mir gekommen nach Jahren des Schlafens. Wie Dornröschen. Mit Prinz. 

Der Prinz hat mich mitgenommen in ein Land voller Bewusstsein, Verständnis und Liebe. Aber nicht nur das ist es, was mein Leben so neu macht. Und nun Schluss mit dieser Analogie. 

Ich habe mich auch selbst auf den Weg gemacht und übe mich jeden Tag in Selbstverwirklichung. Jeder Tag beginnt gut, jeder Tag ist aufregend. Diese Aufregung vor jedem neuen Tag, vor allen neuen Aufgaben, vorm Austoben in Bereichen, die nicht meine offizielle Profession, aber meine Leidenschaft sind. 

Ich bin so glücklich, dass ich ’ne ganze Blumenwiese essen könnte! 

Und das merkt auch das Lieschen. So höre ich immer öfter, dass ich wunderschön aussähe und ich die wunderschönste Mama auf der Welt wäre. Das lässt mich natürlich erstmal dahinschmelzen, aber offenbart mir vor allem eines: dass die Entscheidungen der letzten Wochen richtig waren und mein Lieschen die Gelöstheit spürt, auch wenn sie nicht weiß, dass diese Gelöstheit zu vielen Teilen von einem Mann kommt, der nicht ihr Papa ist. Aber das hat Zeit. 

Wir haben so viel Zeit. 

Schwarz und weiß – oder doch fifty shades of grey? Mütter-Bashing vom Feinsten. 

Okay, habt ihr es alle gelesen, mitgekriegt? Nein? 

Woman.at hat einen Blogpost veröffentlicht von einer Mutter, die sich unbedingt noch ein zweites Kind wünschte, allerdings ein Mädchen. Die Enttäuschung und den ersten Schock darüber, dass der ersehnte Nachwuchs ein Junge wird, verarbeitete sie in einem Blogpost. Sie tat es auf eine ganz ästhetische Art, mit inneren Monologen und Selbstreflektion. Sie setzte sich mit ihren zugegebenermaßen schon krassen Gefühlen auseinander und verurteilte sich auch selbst für diese Gedankenspiele. 

Ich will gar nichts zum Thema sagen. Mir geht es um die Art und Weise, wie darüber diskutiert wird. Andere Bloggerinnen zerreißen sie öffentlich, stellen sie an den Pranger – entweder in Kommentaren oder direkt in einem ganz eigenen Post zum Thema. 

Es ist ungeheuerlich, dass wir uns gegenseitig bashen, dass wir darüber urteilen, wer eine bessere oder eine schlechtere Mutter ist – auch dann, wenn wir uns nicht mal kennen. Und ich finde es absolut beschämend jemanden dafür zu verurteilen ehrlich zu sein, seine Gedanken offen auszusprechen.

Natürlich kann man es krass finden, was jemand schreibt, die Art wie jemand schreibt und natürlich kann man dann auch den Bogen schließen und es krass finden, dass jemand solche Gedanken hat. Aber genau an dem Punkt muss man sich doch fragen: „Wieso habe ich denn jetzt ein Problem damit, dass jemand offen und ehrlich sagt, was in seinem Kopf vorgeht?“ 

Nein, viel leichter ist es direkt die Moral-Keule zu schwingen und darüber zu urteilen, was gut, und was schlecht ist, schwarz und weiß, wie Kleinkinder eben. 

Mädels, Fifty shades of grey ist nicht nur ein Buch oder ein Film, der unterdrückte Phantasien und Gelüste wecken soll – Fifty shades of grey gibt es auch im wahren Leben, nämlich genau da: zwischen Schwarz und Weiß. 

Krankheit als Entschleunigung 

Beim ersten Kind muss man noch so viel lernen. Das wird mir immer wieder bewusst. Gestern habe ich alte Baby Videos von Lieschen mit Lieschen geschaut. Natürlich war ungefähr dauernd meine Stimme zu hören. Ich war verwundert, wie liebevoll ich damals zu ihr war, wie viel Verständnis ich für alles hatte, wie viel Spaß ich an ihr hatte, obwohl mir irgendwie immer was fehlte, wie ich zuletzt auch in meiner Chronik erzählt hatte. 

Auch Lieschen bemerkte das und sagte prompt: „Du bist soooo lieb zu dem Baby.“ Die halbe Nacht dachte ich darüber nach, wie ich jetzt manchmal zu ihr bin. Natürlich kann man das nicht vergleichen, sie war ein Baby, kein trotziges Kleinkind, das dauernd widerspricht. Aber eigentlich gerade dann muss man liebevoll auf sie zugehen. Nun, diese Videos und Fotos anzusehen, hat mich definitiv geerdet und vielleicht sollte ich meine Wohnung mit ganz vielen Baby-Fotos zutapezieren. Und wenn die Nasenflügel sich mal wieder schneller heben, dann genügt vielleicht ein Blick auf die Fotos und ich finde zurück. 

Ich begreife auch mehr und mehr wie sehr Krankheit ein Mittel der Entschleunigung ist. Lieschens Mittel. Ich bin dem Verdacht der Psychosomatik mal ein bisschen nachgegangen und habe ein sehr spannendes Buch gelesen. Es werden verschiedene Krankheitsbilder bei Kindern analysiert und alle, die keine organische Ursache haben, konnten auf komplexe Konflikte innerhalb der Familie zurückgeführt werden. Dabei wurde auch die Krankheit als Entschleunigung des Alltags thematisiert, womit ich unsere Situation ganz gut erklären könnte, denn immerhin wird sie immer unmittelbar nach einer stressigen Phase von mir krank. Für Kinder ist Krankheit an und für sich ja ein sehr schöner Zustand, wenn es bei einem kleinen Infekt bleibt. Ich weiß noch, dass ich mich immer gefreut habe, wenn ich zu Hause bleiben durfte. Meine Mama hat mich umsorgt und betüddelt. Lieblingsessen, Fernsehen, Kuscheln, Vorlesen, das Streichen über die Wange. Medizin und Fiebermessen waren natürlich nicht so angenehm, aber der Rest war 1a. 

Warum sollte Lieschen sich nicht genauso fühlen? Bei uns ist es leider etwas anders, weil ich, im Gegensatz zu meiner Mutter, arbeiten gehen, in die Uni muss. Besonders wenn sie wieder eine Lungenentzündung hat, wo zehn Tage wirklich krank und sechs Wochen „Lunge heilen“ und Infektvermeidung auf dem Plan stehen, wird es natürlich schwierig für meinen Arbeitgeber, die Dozenten und mich. Das heißt, so richtig entschleunigt ist es bei uns nicht, weil sie ganz oft mitkommen oder zur Oma muss. Aber irgendwie ist es doch etwas ruhiger geworden. Nun, nach der neuen Erkenntnis, sollte ich dringend daran arbeiten, meine Ungeduld zu zügeln und unser Leben zu entschleunigen. Das tut, glaube ich, allen gut. 

Neue Ärztin, neues Glück? 

Unser geliebter Kinderarzt ist in Rente gegangen vor Weihnachten. Lieschen war seine letzte Patientin. Er hat auch die Diagnose gestellt und auf ihrer Akte für seine Nachfolgerinnen alles Wichtige und die weitere Vorgehensweise dokumentiert. Sie sollen Immunologinnen sein. Angepriesen hat er sie mir. Ich hatte mir so viel erhofft. 

„5 Lungenentzündungen, 5 Bronchitiden sind total okay in dem Alter. Normale Infektanfälligkeit.“ 

Ah ja. Das habe ich doch schon mal gehört. 

„Entschuldigung, das geht weit über meinen Anfälligkeitsbegriff hinaus. Ich kenne niemanden, weder aus meiner eigenen Kindheit,  noch aktuell, der bzw. dessen Kind so viele schwerwiegende Atemwegsinfekte hatte.“

„Da kann man nichts machen“ entgegnete sie. „Wenn sie diesen Winter noch eine bekommt, können wir mal über weitere Maßnahmen nachdenken.“ 

„Das hat man mir letzten Winter nach der dritten Lungenentzündung in der Kinderpneumologie auch schon gesagt.“

„Jetzt malen Sie bitte nicht den Teufel an die Wand. Alles im normalen Bereich.“

Gespräch beendet. Alles klar. Sorry, ich finde das nicht normal. Es ist ja wohl verständlich, dass ich wissen will, was los ist. Zwei Winter habe ich bisher zu Hause verbracht. Den ersten mit Bronchitiden, den zweiten mit Lungenentzündungen. Und den jetzigen eigentlich doch auch. Bis Mitte Februar darf ich schließlich zu Hause bleiben. Es kotzt mich an. Diese Ratlosigkeit, dieses Beschwichtigen, abgesehen von ein paar wenigen Ausnahmen natürlich, die die Brisanz erkannt und meine Sorgen ernst genommen haben. Man! Das kann doch nicht so weitergehen.

Scheiß Tag. Und ’nen riesen Pickel hab ich auch noch. Und kalt. Und Papa ist nicht da. Und Lieschen trotzt voll rum und … Ach!

Mama, das ist ja in Französisch! 

Okay, schuldig. Ich habe ihr ein blinguales Buch gekauft. Sie hat es aber gewollt, zumindest war sie von Yelle sehr begeistert und schrie im Auto begeistert, dass das Lied ja in Französisch wäre. Da schlug mein francophones Herz natürlich gleich höher. Aber ich gebe zu, dass es mir als Zweitsprachenlerner nicht zusteht, ihr Französisch beizubringen – selbst wenn 15 Jahre Sprachpraxis hinter mir liegen. Ein L1 Niveau werde ich niemals mehr erreichen, selbst wenn ich jetzt sofort nach Frankreich zöge und den Rest meines Lebens dort verbrächte. 

Wie auch immer, ein bisschen werde ich trotzdem in die Richtung arbeiten. Ungefähr so, wie es mein Vater mit mir mit Spanisch gemacht hat. Ein bisschen die Melodie hören, ein paar Wörter spielerisch Erlernen und ein Gefühl dafür bekommen, dass es viele verschiedene Sprachen auf dieser Erde gibt, und dass manche gar nicht so verschieden sind. 

Mama, später will ich auch ein Büro –  wie du. 

Ja, das tolle an Kindern ist, dass sie dich unheimlich bewundern – für alles eigentlich. 

Da mein Mademoisellechen aktuell wieder kindergartenunfähig ist, muss ich sie zur Arbeit mitnehmen. Die Uni ist zumindest was das angeht, ein sehr feiner Arbeitsplatz (Ihr wisst, was ich meine: Halbjahresverträge). Lieschen findet es jedenfalls ziemlich toll, dass ich eine popelige wissenschaftliche Hilfskraft an der Uni bin, die sich ein Büro mit drei anderen Hiwis teilt – eigentlich. Heute aussahmsweise nicht. Also hatten wir das ganze Büro für uns – das war schon ziemlich cool. Am tollsten findet sie es aber ihren Kopf in die anderen Büros zu stecken, spitz zu schreien und dann wegzurennen. So haben wenigstens alle was von ihrem Besuch. Der Sekretärin erzählte sie heute voller Leidenschaft von ihren neuen Buntstiften – herzerwärmend. Und Mutti konnte in Ruhe an ihrem Korpus weiterarbeiten. Ich liebe diesen Job.

Als ich sie gerade ins Bett gebracht habe, hat sie gesagt, dass sie später auch so ein tolles Büro haben will. Irgendwie schön.

Es ist ein Mädchen – ganz sicher. 

Lieschen weint und schreit fürchterlich, weil sie sich über den falsch gekauften Frischkäse und die ‚gelben Erbsen‘ im Brot aufregt. Papa versucht ganz niedlich auf sie einzugehen und entschuldigt sich für seinen Fehlkauf, da schreit sie noch spitzer, lässt sich theatralisch zu Boden fallen, legt die Hände vor’s Gesicht und bringt weinend und mit bebender, geradezu verzweifelter Stimme „Ich will Schohohohokolaahahaade“ hervor. 

Mit Papa kann man’s ja machen. 

Kleines Zwischenspiel zu ‚Chronik einer sehr jungen Mama‘ 

Da ich auf das Vorwort verzichtet habe, kommt es jetzt nachträglich als kleines Zwischenspiel daher. 

‚Die Chronik einer sehr jungen Mama‘ ist ein kleines Projekt, das ich gestartet habe, nachdem ich dieses Jahr einige erhellende Momente hatte. Ihr wisst, ich habe meinen Blog bereinigt, habe ein paar Dinge ausprobiert, die mittlerweile aber auch wieder von hier verschwunden sind. 

Der dritte Geburtstag von Lieschen naht und ich stelle mehr und mehr fest, dass ich verarbeiten muss, was ich damals immer vehement negiert habe. Ich stelle auch mehr und mehr fest, dass die Trennung und all das, worüber ich mich lautstark beklagt habe, vor allem aus meiner eigenen verdrängten Unzufriedenheit resultierten. 

Dies ist eine Aufarbeitung, eine Auseinandersetzung mit meinem 21-jährigen Ich und ich möchte euch und mir davon erzählen, wie es sich angefühlt hat, dieses große Loch, in das ich fiel. Wie ich mich entfernte von allen, die es einst gut mit mir meinten, wie ich Menschen vor den Kopf stieß, weil ich selber nicht mehr wusste, wer ich bin. Wie ich am Ende alles verspielte  – und das, obwohl ich der glücklichste Mensch auf Erden hätte sein können. 

Ich freue mich auf eure Gesellschaft bei meiner kleinen Reise!